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Die Windfee lernt kiten
oder
"Vom Winde verweht"

1. Tag: Verdammt nochmal!!!! Genervt feuere ich mein Material an den Strand und stapfe zurück zur Station, um mich mit einem Schokoriegel zu beruhigen. Heute hat es mal wieder genau diese blöden drei Beaufort, bei denen ich mit einem 6,4er Segel einfach nicht anständig ins Fahren komme. So sehr ich das Windsurfen auch liebe - machmal gibt es Tage, da paßt einfach gar nichts!! 

Und das Schlimmste ist: mein Zeug lagert an einer Kitestation und das heißt: anstatt daß ich jetzt mit irgendeinem netten Mitsurfer mein Leid teilen kann, werden alle nur ihr dreckiges Kitergrinsen aufsetzen  und mir wieder in den Ohren liegen, wie wahnsinnig viel toller, praktischer, sinnvoller und überhaupt das Kitesurfen doch wäre!!! Schwachwindfuchtler!!!!!

Also schnappe ich mir lieber noch einen zweiten Schokoriegel, setze mich weit weg von allen vorne an den Strand und schaue den anderen zu. Zufällig ist gerade die Worldcupperin Kristin Boese auf dem Wasser und ihr zuzusehen, wie sie sich bei jedem Turn meterhoch in die Luft schraubt, macht echt irren Spaß. Das ist ehrlich gesagt auch das einzige, was mich freiwillig zum Kiten bringen würde: das Springen ohne Welle!! Denn wo findet man als verwöhnte, verfrorene Windsurferin schon perfekte Wellen mit Wind sideshore von rechts und Wasser mit Badewannentemperatur, wo man einfach nur ungetrübten Spaß haben kann??
Hmmmm, vielleicht sollte ich es ja wenigstens mal versuchen.......

Als ich wieder an der Station auftauche, muß Gerd (der mich schon letztes Jahr in Cabarete zum Kiten überreden wollte) meine Stimmung sofort erkannt haben, denn ehe ich protestieren kann, drückt er mir einen Übungskite in die Hand, läuft mit mir ein Stück nach Luv den Strand hoch und legt die Leinen aus. Ein kleiner Ruck an der Bar und ratzfatz hat er den Kite im Zenit - schaut ziemlich einfach aus!!! Nach ein paar geflogenen Achten will ich auch mal. Bis zu den Knien in der Lagune stehend und zwischen Gerds Arme eingeklemmt, ergreife ich also die Bar und spüre, wie das kleine Ding da oben in den Kurven Power entwickelt. Nicht schlecht, Herr Specht!!! Hätte ich den zwei Quadratmetern Stoff gar nicht zugetraut!!

Schließlich soll ich die Bar alleine übernehmen - okay, her damit!!! Aber - peng - mit einem lauten Krachen landet der Kite im Wasser! Wie jetzt!!!??? Ich hab doch gar nichts gemacht!!!! Die Erklärung ist, daß
ein Mattenkite immer in Bewegung gehalten werden muß, sonst stürzt er ab und außerdem muß er jetzt sofort aus dem Wasser gefischt werden, sonst laufen die Kammern voll. Also schnell 30 Meter durchs Wasser hinrennen, den pitschnassen Kite neu starten, wieder 30 Meter zurückrennen, die Bar wieder übernehmen, zwei Schleifen fliegen und - zack - wieder abgestürzt!!

Damit ich das Lenken endlich kapiere, vergleicht es Gerd einfach mit einer Boxbewegung - prima, da kenne ich mich aus!!!! Also wieder hinrennen, Kite starten, zurückrennen, Bar übernehmen und jetzt klappt's!! Ich übe Sinuskurven, fliege den Kite in die äußeren Windfenster und durch die Powerzone - meine Güte, das ist ja wie Rodeoreiten!!!! Manchmal hebelt es mich so dermaßen von den Füßen, daß nur ein beherzter Griff von Gerd an mein Trapez mich davor rettet, über den Strand gezogen zu werden. Aber ich muß zugeben, es macht Spaß!!! Auch wenn ich im Laufe einer Stunde sicher fünfzehn Mal durchs Wasser zum Kite und wieder zurück sprinten muß und meine Arme um ein Drittel länger geworden sind.

Irgendwann hat Gerd genug von meinem Gefuchtel und ich mache allein weiter. Erst als ich sogar ein paar Kiteloops geschafft habe, die Sonne schon untergeht und ich den Kite allein nicht mehr gestartet kriege, höre ich auf.....und bin sehr zufrieden mit mir!!!!

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2. Tag: Wahnsinn!! Den ganzen Tag war ich bei 5 - 6 Beaufort sideshore windsurfen und hatte den Mega-Spaß auf meinem kleinen Naish 8'4''. Nur an Welle mangelt es hier ganz deutlich - aber wir wollen mal nicht meckern!! Trotzdem bin ich abends noch nicht ganz ausgelastet und als Gerd mir vorschlägt, mal einen Bodydrag auszuprobieren, bin ich sofort dabei. Schließlich habe ich in seinem Kite-Special gelesen, daß manche Kitesurfer behaupten, der erste Bodydrag wäre besser als der erste Kuß!!  :-)  Nicht daß ich mich an den noch so richtig erinnern könnte, aber natürlich macht mich diese Behauptung neugierig!

Der Wind hat etwas nachgelassen, wir schnappen uns also wieder den Strongkite und marschieren nach Luv in die knietiefe Lagune. Kurze Erklärung und Vorführung von Gerd und ich darf an die Bar. Eigentlich schaut es ganz einfach aus: kleine liegende Achten fliegen und sich hinterherziehen lassen - höchstens das Bremsen an der letzten weißen Flagge vor dem Korallenriff könnte ein Problem werden....egal!!! Tja, was soll ich sagen - es klappt hervorragend!!! Cool!!! Wenn man den Kite richtig deftig durch die Powerzone lenkt, reißt es einen sogar richtig aus dem Wasser.....und das alles ohne Wasserschlucken!!

Ein Stück vor der letzten Flagge steuere ich den Kite wieder in den Zenit und versuche, mal Sinuskurven nach links Richtung offenes Meer zu fahren, wie ich es bei den anderen gesehen habe. Hmmm, klappt auch - jetzt bräuchte ich nur noch so ein olles Brett unter die Füße!!! Kurz bevor es ins tiefe Wasser geht, stelle ich den Kite wieder in den Zenit und versuche, rückwärts laufend, wieder Höhe zu kriegen, worauf der Kite aber irgendwie keinen Bock hat. Kleiner Tipp von Gerd: Kite abstürzen lassen, unter den Arm klemmen und wieder zum Neustart nach Luv marschieren.

Diesmal will ich gleich an die Bar und Gerd soll das pitschnasse Ding zum Starten hochhalten - aber es widersetzt sich!! Die vielen Leinen, die den Mattenkite in Form halten, haben sich völlig verheddert. Und so stehe ich 30 Meter weit in Luv und krümme mich vor Lachen bei dem Anblick, wie Gerd bei vier Windstärken mit dem Kite kämpft wie mit einem großen weißen Seeungeheuer. Permanent fliegen ihm die verwickelten schwarzen Tips um die Ohren und er flucht wie ein sturzbetrunkener Matrose!! Echt zu komisch!!!

Bevor er endgültig aufgibt, renne ich hin und mit vier Händen klappt's dann doch. Also nochmal starten und noch einen schönen langen Bodydrag hingelegt, bevor es so dunkel ist, daß ich die weiße Flagge nicht mehr sehe. Dann lasse ich mich mit ein paar Sinuskurven wieder zum Strand schleppen, wickele brav die Leinen auf die Bar, trabe zurück zur Schule und habe irgendwo tief drinnen das dumme Gefühl, daß mich der Kite-Virus bereits befallen hat.  ;-)


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3. Tag: Ich will mehr!!! Jetzt hat mich der Ehrgeiz gepackt - ich will auf's Brett!!! An professionellem Unterricht komme ich jetzt nicht mehr vorbei, schließlich kann so ein unkontrollierter Kite richtig viel Schaden anrichten. Aber da ich ja immer brav die Augen und Ohren aufgesperrt habe und fleißig sämtliche verfügbaren Kiteheftchen verschlungen habe, ist die Theorie ein Klacks.

Aber vor das richtige Fahren hat mein Kitelehrer den Relaunch gesetzt. Ich bekomme einen fünf Quadratmeter großen Zweileiner-Tubekite an die Hand (der ist wenigstens nicht ganz so nervös wie der Strongkite) und lerne, daß ein Kite große Ähnlichkeit mit einem Hund hat - wenn er sich faul auf den Rücken legt, muß man nur kräftig an den richtigen Leinen ziehen und schließlich krabbelt er brav ans äußere Windfenster und läßt sich wieder in den Zenit fliegen. Eine Stunde üben unter kräftigem Gefluche und ich hab's raus!!!

So - und jetzt darf ich endlich mit einem riesigen Bidirectional-Board auf's Wasser. Die Aufsteigetechnik für den Wasserstart kommt mir ja immerhin bekannt vor: auch beim Snowboarden muß man das Board parallel zum Hang ausrichten und zum Aufstehen den Schwerpunkt über das Brett bringen, nur daß ich hier sogar noch netterweise jemanden habe, der mir beim Hochkommen hilft....den Kite!!! In der Theorie ganz einfach - aber die Ausführung ist ganz schön tricky!!!

Denn blöderweise muß man mal wieder 'zig Sachen gleichzeitig machen. Und wollt ihr meine Meinung hören??? Wenn der liebe Gott gewollt hätte, daß der Mensch kitesurfen lernt, hätte er ihm mindestens vier Hände und vier Augen gegeben!!!! Denn die theoretische Abfolge von "Kite-in-den-Zenit-stellen-Bar-festhalten-Brett-ausrichten-Kite-im-Auge-behalten-Füße-in-die-Schlaufen-werkeln-Schwerpunkt-übers-Brett-bringen-Kite-in-eine-Sinuskurve-fliegen-über-den-hinteren-Fuß-aufsteigen" endet bei mir jedesmal in einem Desaster aus mit vollem Karacho abstürzendem Kite und kräftigem Wasserschlucken meinerseits.

Hmmm, meine einzige Motivation, nicht gleich das ganze Zeugs allein zum Horizont treiben zu lassen, ist die Tatsache, daß es andere ja anscheinend auch irgendwie gelernt haben!!!! Also Zähne zusammenbeißen und von vorne anfangen: Kite ans äußere Windfenster krabbeln lassen, hochziehen, etcetera, etcetera, über den hinteren Fuß aufsteigen und - heureka - ich fahre!!!!! Zwar nur ein paar Meter, dann zerlegt es mich wieder, aber immerhin!!!

Dieses Spielchen übe ich, bis ich wenigstens zehn Meter weit komme, dafür aufgeschürfte Knie und schmerzende Arme habe und sehnsuchtsvoll an mein Windsurfmaterial denke, auf dem ich mich schon lange nicht mehr anstellen muß, wie der letzte Mensch!!! Und was mich besonders deprimiert, ist die Tatsache, daß es bis zu den Sprüngen einer Kristin Boese noch ein verdammt weiter Weg ist.

Aber ich muß zugeben, daß es schon ganz schön viel Spaß macht und wenn mal wieder nicht genug Wind zum Windsurfen ist, habe ich ja alle Zeit der Welt zum Üben.

To be continued....

;-)



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